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Business Case: Wie Unternehmen die First Contact Resolution im Kundenservice gezielt verbessern können

Geschrieben von Julian Weiß | 16.09.2025 07:00:00

In dieser Ausgabe unserer Business-Case-Reihe widmen wir uns einer häufig unterschätzten Kennzahl im Kundenservice: der First Contact Resolution (FCR). Jeden Monat beleuchten wir ein zentrales Thema aus dem Bereich Business Process Management und stellen es anhand eines realitätsnahen Szenarios dar. Ziel ist es, Entscheidungsträgerinnen und -trägern aufzuzeigen, welche Kosten durch mangelnde Prozessqualität entstehen – und welche konkreten Chancen zur Optimierung bestehen.

Im Fokus steht diesmal der Kundenservice. Genauer: die Frage, wie sich die First Contact Resolution verbessern lässt. Die Herausforderung dabei ist klar: Es gilt, Effizienz, Kosteneffektivität und Kundenzufriedenheit in Einklang zu bringen – ein Spannungsfeld, das durch steigende Support-Volumina und wachsende Kundenerwartungen zusätzlich belastet wird. FCR entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Leistungsindikator.

Der Business Case: Wenn Prozesse zur Belastung werden

Ein fiktives Beispiel: Ein mittelgroßes SaaS-Unternehmen beschäftigt rund 150 Support-Mitarbeitende, die gemeinsam etwa 120.000 Tickets pro Jahr bearbeiten.

Auf den ersten Blick wirkt der Betrieb gut organisiert. Doch eine Analyse der Ticketdaten zeigt: Rund 40 Prozent der Anfragen werden nicht beim ersten Kontakt gelöst. Stattdessen kommt es zu mehrfachen Rückfragen, Eskalationen oder internen Weiterleitungen. Die Folge: unnötige Zusatzkosten, sinkende Effizienz und ein gestörtes Kundenerlebnis.

Die Zahlen im Überblick:

  • Tickets pro Jahr:000
  • Durchschnittliche Kosten pro Ticket: 8 €
  • Anteil mehrfach bearbeiteter Tickets: 40 % (entspricht 48.000 Tickets)

Berechnungsgrundlage:
Einsparung = (Reduzierung mehrfacher Bearbeitungen) × (Kosten pro Ticket) × (Anzahl Tickets)

Senkt das Unternehmen den Anteil der mehrfach bearbeiteten Tickets von 40 auf 25 Prozent, entfallen 18.000 überflüssige Vorgänge – was einer jährlichen Einsparung von 144.000 Euro entspricht.

Warum eine niedrige FCR mehr kostet als erwartet

Die finanziellen Auswirkungen sind nur ein Aspekt. Eine unzureichende First Contact Resolution hat spürbare Effekte auf mehreren Ebenen:

  • Finanzielle Belastung: Jeder zusätzliche Bearbeitungsschritt verursacht weitere Kosten. Was auf Einzelfallebene marginal erscheint, summiert sich schnell zu einem signifikanten Betrag.
  • Operative Ineffizienz: Support-Mitarbeitende investieren Zeit in Rückfragen statt in neue Anliegen. Die Produktivität sinkt, das Risiko von Überlastung und Frustration steigt.
  • Negatives Kundenerlebnis: Kunden und Kundinnen müssen ihre Anliegen mehrfach schildern, warten länger auf Lösungen – und verlieren Vertrauen in den Service.
  • Strategische Risiken: Langfristig untergraben ineffiziente Prozesse die Kundenbindung. In wettbewerbsintensiven Märkten mit niedrigen Wechselhürden droht Kundenabwanderung.

FCR ist daher weit mehr als eine Service-Kennzahl. Sie ist ein zentraler Hebel zur Verbesserung von Wirtschaftlichkeit und Kundenloyalität.

Lösungsansätze: Von Prozessanalyse bis GenAI

Unternehmen setzen traditionell auf klassische Maßnahmen zur Verbesserung der FCR:

  • Gezielte Schulungen: Mitarbeitende werden darauf vorbereitet, ein breiteres Spektrum an Anfragen eigenständig zu lösen.
  • Aktualisierte Wissensdatenbanken: Sowohl Support-Teams als auch Kundinnen und Kunden erhalten Zugang zu aktuellen Informationen.
  • Prozessaudits: Schwachstellen wie ineffiziente Übergaben oder unklare Verantwortlichkeiten werden identifiziert und beseitigt.

Diese Maßnahmen bleiben zentral – doch technologische Entwicklungen schaffen neue Möglichkeiten. Generative AI (GenAI) ergänzt klassische Ansätze und kann die FCR signifikant verbessern.

Drei praxisnahe Anwendungsbereiche:

  1. Ursachenanalyse auf Basis historischer Daten
    GenAI analysiert frühere Ticketverläufe, erkennt Muster und identifiziert häufige Eskalationsursachen. So lassen sich strukturelle Schwachstellen gezielt beheben.
  2. Antwortvorschläge in Echtzeit
    Support-Mitarbeitende erhalten während des Kundenkontakts automatisierte, kontextbezogene Lösungsvorschläge – basierend auf erfolgreichen Fällen aus der Vergangenheit. Das steigert die Lösungsquote beim Erstkontakt.
  3. Selbstlernende Wissensdatenbank
    Die KI erkennt neue Fragetrends und aktualisiert bestehende Inhalte wie FAQs oder Hilfedokumente automatisch. Kundinnen und Kunden profitieren von einem effizienteren Self-Service – und entlasten dadurch den Support.

So wird FCR von einem rückblickenden Performance-Indikator zu einem aktiven Steuerungsinstrument.

Food for Thought

  • Welche versteckten Kosten entstehen in Ihrem Unternehmen durch wiederholte Ticketbearbeitung?
  • Wie wirkt sich eine geringe FCR auf das Kundenerlebnis – und letztlich auf die Markenbindung – aus?
  • Was würde es für Ihr Budget und Ihre Kundenzufriedenheit bedeuten, wenn GenAI die Eskalationsrate um nur 10 bis 15 Prozent senken könnte?
  • Lässt sich Künstliche Intelligenz von einem internen Tool zu einem echten Differenzierungsmerkmal im Kundenservice entwickeln?

Fazit

Ineffizienzen im Kundenservice sind oft nicht spektakulär – ihre Wirkung jedoch umso nachhaltiger. In unserem Fallbeispiel belaufen sich die vermeidbaren Kosten auf über 140.000 Euro pro Jahr. Weit gravierender ist jedoch der Vertrauensverlust, der bei Kundinnen und Kunden entsteht.

Eine nachhaltige Lösung erfordert mehrere Schritte: Process Mining, um Ursachen zu identifizieren; operative Maßnahmen wie Schulungen und Prozessanpassungen; sowie der gezielte Einsatz von KI-gestützten Tools zur Unterstützung der Support-Teams und zur Befähigung der Kunden.

First Contact Resolution ist eine der wenigen Kennzahlen, bei der sich Wirtschaftlichkeit und Kundenzufriedenheit nicht gegenseitig ausschließen, sondern verstärken. Die unmittelbaren Einsparungen sind messbar – die langfristigen Effekte auf Kundenbindung, Markenvertrauen und Mitarbeitermotivation sind oft noch bedeutender.

Unternehmen, die diese Potenziale erkennen, sollten sich eine zentrale Frage stellen:
Wo in unseren Prozessen zahlen wir bereits heute den Preis für Ineffizienz – und welche Technologien können helfen, diese Lücke zu schließen?

 

FAQ

Was ist First Contact Resolution (FCR) im Customer Service?

First Contact Resolution misst den Anteil an Kundenanfragen, die bereits beim ersten Kontakt mit dem Support vollständig gelöst werden – also ohne weitere Rückfragen, Eskalationen oder Nachbearbeitungen. FCR ist ein zentraler Indikator für Effizienz und Kundenzufriedenheit.

Warum ist FCR für Unternehmen wichtig?

Hohe FCR-Raten senken die Betriebskosten, steigern die Produktivität der Agents und verbessern das Kundenerlebnis. Niedrige FCR-Werte hingegen führen zu höheren Kosten und können das Vertrauen der Kund:innen nachhaltig schädigen.

Wie kann Process Mining die Verbesserung von FCR unterstützen?

Process Mining zeigt auf, wo Tickets wiederholt eskaliert, verzögert oder nachbearbeitet werden. Durch die Visualisierung realer Workflows werden Ineffizienzen sichtbar – und konkrete Optimierungspunkte identifiziert.

Welche Rolle spielt Generative AI bei der Verbesserung von FCR?

GenAI unterstützt Agents mit Echtzeit-Vorschlägen für Antworten, automatisiert Root-Cause-Analysen bei Eskalationen und erstellt selbstlernende Knowledge Bases. Damit lassen sich mehr Anfragen direkt beim ersten Kontakt lösen und Rework reduzieren.

Welche versteckten Kosten entstehen bei niedriger FCR?

Neben direkten Support-Kosten führen niedrige FCR-Raten zu längeren Bearbeitungszeiten, frustrierten Kund:innen und potenziellem Churn. Diese indirekten Kosten übersteigen die operativen Ausgaben oft deutlich.

Ist die Verbesserung von FCR nur für große Unternehmen relevant?

Auch kleine und mittelständische Unternehmen profitieren – wenn auch auf anderer Skala. Schon kleinere Verbesserungen bei der FCR können Ressourcen freisetzen und die Kundenbindung stärken.

Wie sollten Unternehmen die Verbesserung ihrer FCR-Rate angehen?

Zuerst sollten aktuelle FCR-Werte erfasst und mit Process Mining Problemzonen identifiziert werden. Darauf folgen Prozessverbesserungen und der gezielte Einsatz von Tools wie KI-gestützten Antworthilfen. Besonders effektiv sind Pilotprojekte mit klaren KPIs.

Können Kund:innen selbst zur Verbesserung der FCR beitragen?

Wer Probleme klar beschreibt und Self-Service-Angebote wie FAQs oder Chatbots nutzt, trägt aktiv zur schnelleren Lösung bei. Eine gut strukturierte, KI-gestützte Knowledge Base kann viele Anfragen lösen, bevor überhaupt ein Ticket entsteht.