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Process Pulse: Oktober 2026

Lukas Pfahlsberger
Lukas Pfahlsberger

Willkommen bei Process Pulse, unserem monatlichen Round-up zu dem, was sich in Process Management und Process Mining bewegt hat. Einmal im Monat wählen wir die Ankündigungen, Studien und Forschungsergebnisse aus, die für Menschen zählen, die Prozesse steuern und verbessern, und ergänzen den Teil, den Pressemitteilungen auslassen: Was bedeutet das für ein mittelständisches Unternehmen? Durch den Oktober 2026 zog sich ein Wort fast überall durch: Kontext. Hersteller, Analysten und Forschende kamen aus verschiedenen Richtungen zum selben Schluss, nämlich dass AI Agents nur so gut sind wie das Bild, das sie davon haben, wie Arbeit tatsächlich fließt.

Eine Studie beziffert den Wert von Prozesskontext

Am 1. Oktober veröffentlichten ARIS und The Hackett Group die Process Context Study 2026, eine Befragung von mehr als 200 Führungskräften aus Global-2000-Unternehmen. Die Schlagzeile: Organisationen mit viel Erfahrung im Umgang mit Prozesskontext berichten fünfmal häufiger von sehr erfolgreichen AI-Ergebnissen als solche mit wenig. Dahinter stehen ernüchterndere Zahlen. 86 Prozent der Befragten glauben, dass sich Agents ohne Prozesskontext nicht verlässlich einsetzen lassen, aber nur 22 Prozent sagen, ihre Organisation habe eine umfassende Echtzeit-Sicht auf ihre End-to-End-Prozesse. Nur 18 Prozent berichten von einem reifen, unternehmensweiten AI-Governance-Framework. Die deutsche Fachpresse griff die Studie am 12. Oktober auf; IT-Business fasste sie unter der Überschrift zusammen, dass KI Prozessverständnis braucht, nicht nur Daten. Am 20. Oktober legte ARIS die Produktseite nach: Process Context for Enterprise AI bündelt Object-centric Process Mining, eine Process Lens, die zeigt, wo AI den größten Hebel hat, und Zugriff über das Model Context Protocol, damit Agents Prozesskontext direkt aus der Plattform lesen; verfügbar ist das Paket seit dem 26. Oktober.

Warum das zählt: Die Stichprobe besteht aus Großunternehmen, aber die beschriebene Lücke ist im Mittelstand eher größer, weil die Prozessdokumentation dünner ist und weniger Menschen wissen, wie die Dinge wirklich laufen. Die Studie ist herstellerfinanziert, der Faktor fünf verdient also die übliche Vorsicht, aber die Bereitschaftslücke selbst deckt sich mit dem, was wir in Projekten sehen: Die meisten Unternehmen, die im nächsten Jahr Agents einsetzen wollen, haben kein aktuelles Modell davon, wie ihr Auftrags-, Schadens- oder Beschaffungsprozess heute tatsächlich läuft. Die Dokumentation beschreibt den gewollten Pfad; dem ausgeführten Pfad wird ein Agent begegnen. Wer wissen will, wie groß diese Lücke im eigenen Haus ist, findet in unserem früheren Beitrag über Prozesse, die nur auf dem Papier existieren, einen praktischen Einstieg.

SAP ruft das Autonomous Enterprise aus und knüpft es an Prozessmessung

Auf der SAP Connect in Las Vegas stellte Christian Klein am 6. und 7. Oktober vor, was SAP das Autonomous Enterprise nennt. Seit der Sapphire im Mai habe SAP mehr als 20 Joule Assistants und über 200 Joule Agents gebaut, bis Jahresende sollen es über 400 sein, und Joule Work, eine natürlichsprachliche Oberfläche über SAP- und Drittdaten hinweg, wird in diesem Monat an Kunden ausgerollt. Zwei Details sind für Prozessverantwortliche relevanter als die Zahl der Agents. Erstens positioniert SAP Agents als Akteure innerhalb deterministischer Anwendungs-Workflows, mit denselben Daten, Berechtigungen und demselben Audit Trail wie die Anwendungen selbst, und mit drei Aufsichtsstufen von der Freigabe durch Menschen bis zum Eingriffsrecht. Zweitens verwies Klein in der Keynote auf SAP Signavio als das Werkzeug, das den Prozesswert vor und nach einer Änderung misst, und verband diese Messung ausdrücklich mit der Frage, wie sich die Ausgaben für AI-Tokens rechtfertigen lassen. SAP LeanIX bekommt ein zentrales Inventar aller Unternehmens-Agents.

Warum das zählt: Der interessante Schritt ist nicht die Anzahl der Agents, die laut Klein selbst weniger zählt als die Ergebnisse, sondern die Einordnung. SAP sagt, dass Agents in gesteuerte Workflows gehören, dass ihr Wert auf Prozessebene gemessen werden muss und dass man ein Inventar braucht, welche Agents es gibt und was sie anfassen. Das ist eine Prozessmanagement-Agenda, formuliert von einem ERP-Hersteller. Für SAP-Kunden stellt sich eine praktische Frage: Wer verantwortet die Vorher-nachher-Messung, und hat der Process Owner die Daten dafür? Unsere Quick Tips zu Fehlern bei Process Frontier Agents vertiefen die Seite der Verantwortung.

Microsoft bringt objektzentrische Analyse in die Power Platform

Am 1. Oktober kündigte Microsoft im Message Center an, dass Process Intelligence Studio für Object-centric Process Mining in Power Automate Process Mining verfügbar wird, allgemein ab dem 31. Oktober. Das Studio ist ein einzelner Arbeitsbereich zum Erkunden von Event-Daten: Analysen in Tabs, Rasterlayouts, die Prozesskarten, Diagramme und Kennzahlen mischen, Filter über den gesamten Arbeitsbereich sowie objektübergreifende Kennzahlen; Konfigurationen lassen sich speichern und teilen.

Warum das zählt: Object-centric Process Mining, also die Fähigkeit, einen Prozess als Zusammenspiel von Aufträgen, Lieferungen, Rechnungen und anderen Objekten zu analysieren statt über eine einzige Fall-ID, war vor fünf Jahren ein Forschungsthema und vor zwei Jahren ein Premium-Feature. Jetzt steckt es in einer Plattform, die viele mittelständische Unternehmen ohnehin über Microsoft 365 lizenziert haben. Das senkt die Hürde, sich anzusehen, wie Objekte über Systeme hinweg tatsächlich zusammenhängen, genau die Sicht, die fallbasiertes Mining gern plattdrückt. Es senkt nicht die Hürde zu guten Event-Daten: Der harte Teil bleibt, saubere, verknüpfte Objekte aus den Quellsystemen zu extrahieren, und das löst kein Arbeitsbereich-Design.

BPM 2026 prämiert Prozessanalytik, die handelt

Die 24. International Conference on Business Process Management fand vom 27. September bis 2. Oktober an der York University in Toronto statt, die zweite nordamerikanische Ausgabe der Konferenz. Den Best Paper Award erhielt Gyunam Park für eine Arbeit, die Constraint-Wissen über neuro-symbolische Outcome Distillation in präskriptive Prozessanalytik überführt, auf Deutsch: Vorhersagemodellen beibringen, Geschäftsregeln zu respektieren, wenn sie Handlungen empfehlen. Das Best Paper des Industry Forum, von Dominik Voigt, Juergen Mangler und Kollegen um Stefanie Rinderle-Ma, behandelte Process-Powered Business Intelligence, also kontextualisierte Daten für Echtzeitanalyse und Entscheidungsunterstützung. Das Process Technology Forum zeichnete eine Arbeit zur Abbildung von BPMN-Choreographien in OCEL 2.0 aus.

Warum das zählt: Die Forschung bewegt sich vom Beschreiben von Prozessen zum Vorschreiben von Handlungen, und die prämierten Arbeiten drehen sich darum, das sicher zu tun, innerhalb der Regeln, die ein Unternehmen tatsächlich hat. Neben die Herstellerankündigungen oben gelegt, ist das die akademische Fassung desselben Schlusses: Empfehlungen und Agents brauchen Prozesskontext, inklusive der Regeln, um vertrauenswürdig zu sein. Die OCEL-2.0-Arbeit ist außerdem ein Signal, dass objektzentrische Event-Daten zum gemeinsamen Format werden, auf dem Forschung und Hersteller aufbauen, eine gute Nachricht für alle, die sich nicht an das Datenmodell eines einzigen Tools binden wollen.

Celonis liefert Routing Rules und gewinnt eine Runde gegen SAP

Celonis veröffentlichte sein Plattform-Update am 5. Oktober. Die neuen Routing Rules verteilen Verantwortung im Team, indem sie Geschäftsobjekte nach logischen Bedingungen automatisch Ownern zuweisen, Task Mining integriert sich jetzt nativ in objektzentrische Data Pools, sodass Event-Daten vom Desktop in denselben Process Intelligence Graph fließen wie Systemdaten, und die Datenintegration erhält Zero-Copy-Verbindungen zu Microsoft-Fabric-Lakehouses. In derselben Woche gewann Celonis eine erste Runde im Patentstreit mit SAP. Das Landgericht München I (Az. 7 O 12849/25) sah durch eine Funktion von SAP Signavio Process Intelligence das Celonis-Patent EP 3 139 274 verletzt, ein Verfahren zur Berechnung der Netto-Durchlaufzeit zwischen Prozessschritten, das Zeiten außerhalb der Geschäftszeiten herausrechnet. SAP darf die Funktion in Deutschland nicht mehr anbieten oder nutzen, muss Auskunft über den Umfang der Nutzung geben und haftet auf Schadensersatz. Das Urteil ist nicht rechtskräftig: SAP hat Berufung eingelegt, greift das Patent vor dem Bundespatentgericht an und erklärte gegenüber der Computerwoche, Signavio bleibe für Kunden verfügbar. Die Celosphere 2026 ist für den 2. und 3. Dezember in München bestätigt.

Warum das zählt: Routing Rules sind ein kleines Feature mit großer Konsequenz. Sobald eine Process-Mining-Plattform nicht nur zeigt, wo sich Arbeit staut, sondern auch entscheidet, wer sie bekommt, ist die Plattform Teil des Prozesses geworden, und die Regeln darin brauchen dieselbe Verantwortung und Überprüfung wie jede andere Prozessregel. Die Task-Mining-Integration schließt die Lücke zwischen Systemprotokollen und dem, was Menschen tatsächlich am Bildschirm tun, dort, wo die Workarounds aus unserem Beitrag über Schattenprozesse leben. Der Gerichtsfall ist ein Signal anderer Art. Wenn zwei der größten Anbieter des Marktes darüber streiten, wie eine Durchlaufzeit berechnet wird, ist Prozesskontext zu umkämpftem geistigem Eigentum geworden. Für Kunden beider Plattformen ist die praktische Frage weniger, wer in der Berufung gewinnt, sondern wie viel ihrer eigenen Analyselogik in der patentierten Methode eines Anbieters steckt, und ob die Event-Daten darunter mitkämen, wenn das Werkzeug wechselt.

Was wir diesen Monat gelesen haben

Zwei Texte lohnen sich über die Schlagzeilen hinaus. ActuIA hat einen Stand zum EU AI Act per 6. Oktober veröffentlicht: Die im Juli in Kraft getretene Omnibus-Verordnung verschiebt die Hochrisiko-Pflichten für Anhang-III-Systeme auf den 2. Dezember 2027, die Transparenzregeln nach Artikel 50 gelten seit dem 2. August 2026, und die nächste Frist ist der 2. Dezember 2026, ab dem bereits vermarktete generative Systeme ihre Ausgaben maschinenlesbar kennzeichnen müssen. In Deutschland ist seit Ende Juli die Bundesnetzagentur Marktüberwachungsbehörde. Für Prozessteams hat sich der Druck bei der Hochrisiko-Einstufung um ein Jahr entspannt, aber Dokumentations- und Protokollpflichten sind nicht verschwunden, und wer sie jetzt als Aufgabe des Prozessdesigns behandelt, muss später weniger nachrüsten. Ein konkreter Baustein kam am 14. Oktober hinzu: Mit der EN 18286 zum Qualitätsmanagementsystem wurde die erste harmonisierte Norm zum AI Act im Amtsblatt veröffentlicht; sie deckt nur die Anforderungen nach Artikel 17 ab, Normen für Risikomanagement, Data Governance und menschliche Aufsicht stehen noch aus. Der zweite Text sind die Oktober-Release-Notes von UiPath, weniger glamourös als eine Keynote, aber ein Blick darauf, wohin Agent-Governance in der Praxis geht: Organisationen können jetzt eigene Guardrail-Anbieter in den AI Trust Layer einbinden, jede Guardrail-Prüfung wird im Agent Trace protokolliert, und Administratoren bekommen eine Policy für automatische Kontingent-Aufstockungen. So sieht Governance aus, sobald Agents den Pilotstatus verlassen.

Unser Take

Wenn der Oktober eine These hatte, dann diese: Der Markt streitet nicht mehr darüber, ob AI Agents Prozesskontext brauchen, sondern darüber, wer ihn liefert. ARIS sagt, es ist das Prozessmodell, SAP sagt, es ist der Anwendungs-Workflow plus eine Messschicht, Microsoft und Celonis sagen, es sind die Event-Daten, und die BPM-Forschung sagt, es sind die Constraints. Alle haben teilweise recht, und nichts davon lässt sich einfach kaufen. Kontext ist kein Produktmerkmal, sondern das aktuelle, belegte Verständnis davon, wie die eigene Arbeit tatsächlich fließt, inklusive der Regeln, die sie einhalten soll, und der Ausnahmen, die sie in der Praxis duldet. Eine Lizenz erzeugt dieses Verständnis nicht.

Für ein mittelständisches Unternehmen ist die praktische Konsequenz unspektakulär. Vor dem Gespräch über Agents kommt das Gespräch über Messung. Welche Prozesse kommen infrage, wie sieht ihr ausgeführter Pfad heute aus, woher kommen die Varianten, und wer verantwortet die Regeln, die ein Agent einhalten müsste? Diese Fragen lassen sich mit Process Mining in Wochen statt Quartalen beantworten, und Plattformen, die für den Mittelstand gebaut sind, noreja gehört dazu, gibt es genau deshalb, damit die Antwort kein Konzernprogramm erfordert. Die Unternehmen, die diese Arbeit zuerst machen, sind die, für die sich der Faktor fünf aus der ARIS-Studie bewahrheiten wird. Die, die sie überspringen, bekommen Agents, die schnell, selbstsicher und an denselben Stellen falsch sind, an denen ihre Leute heute improvisieren.

Food for Thought

Wenn du im nächsten Quartal einen deiner Prozesse an einen Agent übergeben müsstest, welcher wäre es, und könntest du heute seinen ausgeführten Pfad der letzten drei Monate zeigen, mit Varianten und Häufigkeiten, statt des dokumentierten? Wer in deiner Organisation verantwortet die Regeln, die dieser Agent einhalten müsste, und wann wurden sie zuletzt gegen das geprüft, was die Systeme tatsächlich zeigen? Wenn eine Plattform anfängt, Arbeit nach Regeln zu verteilen, die du konfiguriert hast, wer prüft diese Regeln, und wie würdest du merken, dass sie falsch sind? Und wenn euer AI-Governance-Framework geschrieben wird, beschreibt es Entscheidungen auf der Ebene von Prozessen, wo das Risiko tatsächlich sitzt, oder auf der Ebene von Modellen, wo es sich am leichtesten beschreiben lässt?

FAQ

Was waren die wichtigsten Process-Mining-Ankündigungen im Oktober 2026?

Microsoft kündigte Process Intelligence Studio für Object-centric Process Mining in Power Automate an, allgemein verfügbar ab dem 31. Oktober, und Celonis lieferte am 5. Oktober Routing Rules, eine native Task-Mining-Integration in objektzentrische Data Pools und die Machine Learning Workbench 2.0. Beide Schritte tragen objektzentrische Analyse weiter in Mainstream-Plattformen.

Was hat die Process Context Study 2026 von ARIS und The Hackett Group ergeben?

Auf Basis von mehr als 200 Führungskräften aus Global-2000-Unternehmen berichtet die Studie, dass Organisationen mit starkem Prozesskontext fünfmal häufiger sehr erfolgreiche AI-Ergebnisse erzielen. Zugleich sagen 86 Prozent, dass sich Agents ohne Prozesskontext nicht verlässlich einsetzen lassen, während nur 22 Prozent eine umfassende Echtzeit-Sicht auf ihre End-to-End-Prozesse haben.

Was hat SAP auf der SAP Connect 2026 angekündigt?

SAP präsentierte das Autonomous Enterprise mit über 200 Joule Agents und dem Ziel von mehr als 400 bis Jahresende, den Rollout von Joule Work als natürlichsprachliche Oberfläche und drei Stufen menschlicher Aufsicht über Agents. SAP Signavio wurde als Werkzeug positioniert, das den Prozesswert vor und nach einer Änderung misst, und SAP LeanIX erhält ein zentrales Agent-Inventar.

Was hat das Landgericht München im Patentstreit zwischen Celonis und SAP entschieden?

In einem erstinstanzlichen Urteil im Oktober 2026 sah das Landgericht München I durch eine Funktion von SAP Signavio Process Intelligence das Celonis-Patent EP 3 139 274 zur Berechnung der Netto-Durchlaufzeit zwischen Prozessschritten verletzt. SAP darf die Funktion in Deutschland nicht anbieten oder nutzen und haftet auf Schadensersatz. Das Urteil ist nicht rechtskräftig: SAP hat Berufung eingelegt und erklärt, das Produkt bleibe für Kunden verfügbar.

Was hat sich 2026 am Zeitplan des EU AI Act geändert?

Die Verordnung (EU) 2026/1744, in Kraft seit dem 27. Juli 2026, verschob die Hochrisiko-Pflichten für Anhang-III-Systeme auf den 2. Dezember 2027 und für Anhang-I-Produkte auf den 2. August 2028. Die Transparenzregeln nach Artikel 50 gelten seit dem 2. August 2026, und ab dem 2. Dezember 2026 müssen bereits vermarktete generative Systeme ihre Ausgaben maschinenlesbar kennzeichnen.

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