Quick Tips: Warum es den „Standard Case“ im operativen Alltag kaum gibt
Die Realität hinter „standardisierten“ Geschäftsprozessen
Viele Organisationen entwerfen ihre Abläufe rund um die Idee eines Standard case: eine vorhersehbare Abfolge von Schritten, der der Großteil der Arbeit folgen soll. Auf dem Papier klingt das überzeugend. Effizienz, Transparenz und Kontrolle scheinen garantiert. In der Praxis wird operative Arbeit jedoch von ganz anderen Faktoren geprägt: vom Verhalten der Kunden, von unvollständigen oder widersprüchlichen Daten, von regulatorischen Vorgaben und von Zeitdruck, der selten planbar ist.
Das gilt branchenübergreifend und unabhängig von der Unternehmensgröße – egal ob Du Produkte herstellst, Services erbringst oder administrative Prozesse verantwortest. Prozesse müssen sich ständig an Märkte, Regulierung und Kundenerwartungen anpassen. Werden sie stattdessen entlang idealisierter Szenarien gestaltet, zeigen sich schnell bekannte Muster. Mitarbeitende entwickeln Workarounds, um ihre Arbeit erledigt zu bekommen. Verantwortlichkeiten verschwimmen, sobald ein Case vom Modell abweicht. Und das Vertrauen in dokumentierte Prozesse nimmt spürbar ab.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Standardisierung grundsätzlich sinnvoll ist. Entscheidend ist, ob Organisationen business process variability ernst genug nehmen, wenn sie ihre Abläufe entwerfen und steuern.
Warum Process Designs sich von der Realität entfernen
Die meisten Process Models basieren auf Annahmen, nicht auf gelebter Erfahrung. Sie beschreiben, wie Arbeit idealerweise ablaufen sollte – oft abgeleitet aus Workshops oder Best Practices –, aber nicht, wie sie sich im Alltag tatsächlich entwickelt.
Abweichungen gelten häufig als Fehler, die es zu vermeiden gilt. KPIs und Automatisierungsinitiativen verstärken dieses Denken, weil sie vor allem den sogenannten happy path belohnen: Wer dem Modell folgt, gilt als erfolgreich, unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis. Variabilität wird so aus dem offiziellen Prozess verdrängt und taucht stattdessen in E-Mails, Excel-Listen oder informellen Abstimmungen auf.
Je stärker sich Process Design an Standardfällen orientiert, desto mehr verlagert sich die eigentliche Arbeit aus dem System heraus. Mit der Zeit wird der dokumentierte Prozess zur Pflichtübung, während das operative Wissen vor allem in den Köpfen der Mitarbeitenden steckt.
Fünf praktische Ansätze für realitätsnahe Prozesse
1. Prozesse so gestalten, dass sie Variation aushalten
Gute Prozesse gehen von Abweichungen aus. Variabilität ist kein Zeichen schlechter Ausführung, sondern eine Grundeigenschaft realer Arbeit. Kunden verhalten sich unterschiedlich, Informationen kommen verspätet oder unvollständig an, Prioritäten verschieben sich.
Für Variation zu designen heißt, sie als legitimen Input zu begreifen – nicht als Störung, die unterdrückt werden muss. Flexible Prozesspfade ermöglichen es, Cases an ihren Kontext anzupassen, statt jede Situation in einen idealen Ablauf zu zwingen. Der „Standard Case“ wird damit zu einem Orientierungspunkt, nicht zu einer festen Vorgabe. Stabilität entsteht nicht durch Verdrängung von Abweichungen, sondern durch den souveränen Umgang mit ihnen.
2. Minimum Viable Standardization statt Überstrukturierung
Nicht alles profitiert von Standardisierung. Im Gegenteil: Zu viel davon erzeugt oft Reibung, ohne echten Mehrwert zu liefern. Viele process standardization challenges entstehen, weil Struktur unabhängig von der Art der Arbeit angewendet wird.
Standardisierung ist dort sinnvoll, wo sie Klarheit und Sicherheit schafft – etwa bei Handoffs, zentralen Datenbegriffen oder regulatorischen Anforderungen. Arbeit, die stark von Einschätzung und Kontext abhängt, braucht hingegen Spielraum. Wer sich auf minimum viable standardization konzentriert, schafft Prozesse, die verständlicher und robuster sind.
3. Business Rules vom Process Flow trennen
Starre Prozesse reagieren schlecht auf Veränderungen. Wenn Entscheidungslogik tief im Process Flow verankert ist, wird selbst eine kleine Anpassung zum Redesign-Projekt.
Wer Business Rules vom eigentlichen Ablauf trennt, kann Schwellenwerte, Kriterien oder Policies anpassen, ohne den gesamten Prozess neu zu denken. Der Flow bleibt stabil, während sich die Entscheidungslogik an neue Rahmenbedingungen anpasst. Das senkt die Kosten von Veränderung und erhöht die Reaktionsfähigkeit – ohne Kontrolle aufzugeben.
4. Entscheidungen dort ermöglichen, wo die Arbeit passiert
Ausnahmen werden dort gelöst, wo gearbeitet wird. Frontline-Mitarbeitende managen non-standard cases längst jeden Tag – oft informell und ohne klare Rückendeckung.
Statt auf detaillierte Anweisungen zu setzen, hilft es, klare Guardrails zu definieren. Sie machen deutlich, welche Outcomes zählen, welche Entscheidungen eigenständig getroffen werden können und wann eine Eskalation wirklich nötig ist. Weniger unnötige Eskalationen bedeuten schnellere Lösungen und mehr Verantwortungsbewusstsein. Gute Prozesse stärken menschliches Urteilsvermögen, statt es zu ersetzen.
5. Ausnahmen als Lernsignale verstehen
Abweichungen zeigen, wo das Prozessmodell nicht mehr zur Realität passt. Sie zu ignorieren heißt, wertvolles Feedback zu verschenken.
Wer systematisch analysiert, warum Cases vom erwarteten Verlauf abweichen, erkennt Muster statt Einzelfälle. Diese Erkenntnisse sind ein zentraler Input für die Weiterentwicklung von Prozessen. Ein Prozess, der nicht lernt, wird schnell irrelevant – egal wie sauber er einmal standardisiert war.
Food for Thought
Wie viele Deiner sogenannten Ausnahmen sind in Wahrheit die eigentliche Arbeit? Welche Regeln schaffen echten Mehrwert, und welche existieren nur, weil sie nie hinterfragt wurden? Und was würde passieren, wenn es morgen keinen Standard Case mehr gäbe – würden Deine Prozesse trotzdem funktionieren?
Fazit: Prozesse so gestalten, wie Arbeit wirklich passiert
„Standard Cases“ sind hilfreiche Abstraktionen. Sie beschreiben jedoch selten den operativen Alltag. Wirksames BPM balanciert Struktur und Anpassungsfähigkeit sowie Kontrolle und Vertrauen.
Organisationen, die Prozesse konsequent an realer business process variability ausrichten, reduzieren Workarounds, verbessern Ergebnisse und schaffen Systeme, die sich mit dem Geschäft weiterentwickeln. Ziel ist nicht, Ausnahmen zu eliminieren, sondern sie beherrschbar, sichtbar und wertvoll zu machen. Wenn Prozesse Realität abbilden statt gegen sie zu arbeiten, wird Standardisierung vom Hemmnis zum Enabler.
FAQ
Was ist ein „Standard Case“ in Geschäftsprozessen?
Ein Standard Case beschreibt einen idealisierten Prozessablauf, der von stabilen Rahmenbedingungen und gleichförmigen Fällen ausgeht.
Warum existieren Standardfälle im operativen Alltag kaum?
Weil reale Arbeit durch Kundenverhalten, unvollständige Daten, regulatorische Vorgaben und Zeitdruck geprägt ist, die ständig Variation erzeugen.
Was bedeutet Business Process Variability?
Business Process Variability bezeichnet die natürlichen Abweichungen im Prozessablauf, die durch Kontext, Entscheidungen und Ausnahmen entstehen.
Warum ist zu starke Standardisierung problematisch?
Sie erhöht Reibung, fördert Workarounds und verdrängt reale Arbeit aus dem offiziellen Prozess.
Wie sollten Unternehmen mit Ausnahmen umgehen?
Ausnahmen sollten als Lernsignale genutzt werden, um Prozesse kontinuierlich an die Realität anzupassen.
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