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Two for One: Wenn Handoffs länger dauern als die eigentliche Arbeit

Geschrieben von Lukas Pfahlsberger | 31.03.2026 07:00:00

In vielen Organisationen ist die eigentliche Aufgabe schnell erledigt. Trotzdem kommt der Fortschritt oft genau zwischen den einzelnen Schritten ins Stocken. Arbeit liegt in Queues, Zuständigkeiten sind nicht ganz klar, und der Durchsatz leidet nicht deshalb, weil Menschen zu langsam arbeiten, sondern weil der Prozess immer wieder stoppt.

Warum selbst ausgelastete Teams nur langsam vorankommen

Handoffs gehören zu bereichsübergreifender Arbeit ganz selbstverständlich dazu. Im Prinzip sollte Spezialisierung Prozesse effizienter machen. Unterschiedliche Teams bringen unterschiedliche Expertise mit, und die Aufteilung von Arbeit auf verschiedene Rollen kann komplexe Abläufe erst handhabbar machen.

Trotzdem erleben viele Organisationen etwas anderes. Die eigentliche Arbeit dauert vielleicht nur Minuten oder Stunden, aber die gesamte Durchlaufzeit zieht sich über Tage oder sogar Wochen. Eine Anfrage ist schnell vorbereitet und wartet dann auf Review. Eine Entscheidung ist getroffen, bleibt aber liegen, bis sie jemand aufgreift. Ein Vorgang ist freigegeben und pausiert trotzdem noch einmal, bevor das nächste Team weitermacht. So entsteht ein vertrautes Gefühl: Man wartet gefühlt mehr, als man arbeitet.

Das Problem ist dabei meist nicht fehlender Einsatz oder mangelnde Kompetenz. Oft sind die Beteiligten engagiert und reagieren schnell. Das eigentliche Problem ist strukturell. Die Verzögerung steckt im Design des Prozesses selbst, vor allem darin, wie Arbeit von einem Schritt zum nächsten übergeben wird.

In dieser Ausgabe von Two-for-One geht es darum, warum Handoffs so oft die Durchlaufzeit dominieren und welche zwei praktischen Hebel helfen, Wartezeiten zu reduzieren und wieder mehr Flow in den Prozess zu bringen.

Wenn Handoffs zum eigentlichen Prozess werden

Verzögerungen entstehen vor allem dann, wenn Arbeit über zu viele Rollen, Teams oder Approval-Stufen hinweg wandert. Jeder Übergang bringt eine kleine, aber entscheidende Reibung mit sich. Jemand muss überhaupt bemerken, dass etwas bereitliegt. Jemand muss den aktuellen Status verstehen. Jemand muss einschätzen, ob die Voraussetzungen für den nächsten Schritt erfüllt sind. Und am Ende muss jemand die Verantwortung für die nächste Aktion übernehmen.

Wenn diese Übergänge sauber gestaltet sind, können sie fast geräuschlos ablaufen. Wenn das nicht der Fall ist, beginnt die Wartezeit die eigentliche Bearbeitungszeit zu überlagern.

Das passiert besonders häufig dort, wo die Prozesssicht schwach ausgeprägt ist. Arbeit liegt in Inboxes, Shared Folders, Task-Management-Tools oder E-Mail-Threads, ohne dass sie aktiv weiterbewegt wird. Teams wissen meist ziemlich genau, wofür sie selbst zuständig sind. Aber sie wissen oft nicht, was davor oder danach im Prozess passiert. In so einem Setup hängt jeder Handoff von manueller Aufmerksamkeit und persönlichem Nachfassen ab.

Das Ergebnis ist ein Prozess, der lokal produktiv wirkt, aber end-to-end schlecht performt. Einzelne Teams erledigen ihren Teil vielleicht effizient, und trotzdem verschlechtert sich der gesamte Durchsatz. Der Prozess wird nicht langsam, weil die Arbeit besonders schwierig wäre. Er wird langsam, weil die Koordination zwischen den Schritten nicht klar genug designt ist.

Die versteckten Kosten von Wartezeit im Prozess

Im operativen Alltag sind die Symptome leicht zu erkennen. Aufgaben werden schnell erledigt, sobald sie jemand aufnimmt. Davor oder danach liegen sie aber oft lange still. Status muss manuell nachverfolgt werden. Teams wissen nicht genau, wo ein Vorgang gerade hängt. Follow-up basiert auf persönlicher Initiative statt auf systemischer Transparenz.

Je mehr Wartezeit entsteht, desto häufiger kommt es zu Eskalationen. Führungskräfte greifen ein, um Dinge zu lösen, die eigentlich schon viel früher sichtbar hätten sein müssen. Manager reagieren darauf oft, indem sie stärker nachhalten, mehr Koordination einfordern oder zusätzlichen Druck aufbauen. Das kann kurzfristig Bewegung erzeugen, ändert aber selten das zugrunde liegende Muster.

Aus Sicht von Business Process Management ist das daher in erster Linie kein Verhaltensproblem. Es ist ein Strukturproblem. Wartezeit wird nicht aktiv gemanagt. Es gibt zu viele Handoffs. Und die Verantwortlichkeit zwischen diesen Übergängen ist zu diffus. Anders gesagt: Der Prozess ist auf einzelne Tasks ausgerichtet, aber nicht auf Flow.

Genau dieser Unterschied ist entscheidend. Wenn die eigentliche Verzögerung zwischen den Aktivitäten entsteht, bringt es nur begrenzt etwas, Menschen innerhalb einzelner Aktivitäten schneller arbeiten zu lassen. Nachhaltiges business process improvement setzt dort an, wo Arbeit sich bewegt, wo sie pausiert und wo sie sich im Verlauf des gesamten Prozesses staut.

Zwei praktische Hebel für business process improvement

Es gibt viele Wege, einen Prozess zu verbessern. Wenn aber Wartezeiten zwischen den Schritten die Durchlaufzeit dominieren, sind zwei Hebel besonders relevant. Der erste besteht darin, Verzögerung sichtbar zu machen. Der zweite darin, die Zahl der Übergänge zu reduzieren, die diese Verzögerung überhaupt erst erzeugen.

Mit process mapping Wartezeiten sichtbar machen

Der erste Hebel ist einfach, wird aber oft übersehen: Mach Verzögerung sichtbar, bevor Du versuchst, sie zu beseitigen.

In vielen Organisationen ist Wartezeit weitgehend unsichtbar. Teams wissen ziemlich genau, wie lange ihr eigener Task dauert. Sie wissen aber nicht, wie lange Arbeit davor auf sie wartet oder wie lange sie danach liegen bleibt. Dadurch entsteht eine typische Verzerrung in Improvement-Initiativen. Der Fokus liegt auf Task-Effizienz, während das eigentliche Problem, nämlich Queue Time, unangetastet bleibt.

Genau hier wird process mapping besonders wertvoll. Wenn Organisationen den end-to-end-Verlauf von Arbeit abbilden, sehen sie, wo Handoffs stattfinden, wo sich Arbeit staut und wie viel der gesamten Durchlaufzeit nicht in Ausführung, sondern in Inaktivität verloren geht. Es geht also nicht nur darum, Schritte zu dokumentieren. Es geht darum zu verstehen, wie Arbeit sich tatsächlich durch das System bewegt.

Ein gutes process mapping zeigt deshalb nicht nur das offizielle Soll-Bild des Workflows. Es macht auch die realen Verzögerungen zwischen den Schritten sichtbar. Man erkennt, wo ein Vorgang auf Review wartet, wo er in einer Queue liegt, wo Ownership wechselt und wo ungelöste Abhängigkeiten das Weiterkommen bremsen. Tools und Methoden wie value stream mapping, flow efficiency analysis, Aging Views, Queue-Time-Messung oder end-to-end Lead-Time-Tracking helfen dabei, dieses Bild konkret zu machen.

Sobald Wartezeit sichtbar wird, verändert sich auch die Qualität der Diskussion. Teams sprechen dann nicht mehr nur darüber, wie sie innerhalb eines einzelnen Schritts schneller werden. Stattdessen rückt eine wichtigere Frage in den Mittelpunkt: Warum liegt die Arbeit hier überhaupt still?

Genau dieser Perspektivwechsel ist zentral für business process improvement. Bottlenecks werden explizit statt nur vermutet. Versteckte Verzögerungen werden besprechbar statt anekdotisch. Und Verbesserungsmaßnahmen richten sich endlich auf die tatsächlichen Ursachen langsamer Durchlaufzeit, nicht nur auf die sichtbarsten Bereiche mit viel Aktivität.

Ein Prozess, der nur Aufwand misst, wird Flow kaum verbessern. Wenn Wartezeit nicht sichtbar ist, wird ihr Einfluss fast zwangsläufig unterschätzt. Wenn sie nicht gemessen wird, wird sie schnell als normal akzeptiert.

Handoffs reduzieren, indem Du Ownership bündelst

Sobald Verzögerung sichtbar wird, folgt fast automatisch die nächste Frage: Sind all diese Handoffs überhaupt notwendig?

In vielen Prozessen ist Arbeit auf mehrere Rollen oder Abteilungen fragmentiert. Jede Rolle übernimmt einen schmalen Ausschnitt, oft mit nachvollziehbarer lokaler Logik. Trotzdem bringt jede Übergabe Verzögerung, Kontextverlust und Unklarheit mit sich. Arbeit muss erneut aufgenommen, erneut verstanden und erneut weiterbewegt werden. Je öfter das passiert, desto wahrscheinlicher ist es, dass zwischen den Schritten Zeit verloren geht.

Deshalb ist einer der wirksamsten strukturellen Ansätze oft, die Zahl der Handoffs zu reduzieren, indem Ownership stärker gebündelt wird.

Das bedeutet nicht, Zusammenarbeit abzuschaffen oder einer Person alles aufzubürden. Es bedeutet, den Weg der Arbeit dort zu vereinfachen, wo es sinnvoll ist. In manchen Fällen heißt das, angrenzende Tasks in einer Rolle zusammenzuführen. In anderen Fällen bedeutet es, klarere Case Ownership zu schaffen, sodass eine Person oder ein Team für einen größeren Abschnitt des Prozesses verantwortlich bleibt. Auch unnötige Approvals oder Zwischenprüfungen, die keinen echten Mehrwert mehr liefern, lassen sich auf diese Weise hinterfragen.

Das Ziel ist nicht, alles zu zentralisieren. Das Ziel ist, Übergänge zu reduzieren, die Verzögerung erzeugen, ohne das Ergebnis zu verbessern.

Wenn Ownership breiter und klarer zugeschnitten ist, passieren meist mehrere Dinge gleichzeitig. Weniger Vorgänge warten zwischen den Schritten. Es braucht weniger Koordination, damit Arbeit in Bewegung bleibt. Verantwortlichkeit wird sichtbarer. Und der Flow wird stabiler. Standardfälle lassen sich oft wirksamer von einem Case Manager, einem end-to-end Process Owner oder einem cross-funktionalen Team bearbeiten, das genug Mandat hat, um Arbeit ohne ständige Übergaben weiterzuführen.

So ein Redesign reduziert meist auch Reibung an den Schnittstellen. Jeder Handoff ist ein potenzieller Punkt für Missverständnisse. Informationen können verloren gehen, Annahmen können sich verschieben, und Verantwortung kann unscharf werden. Wenn unnötige Übergaben wegfallen, sinken deshalb oft sowohl die Wartezeiten als auch die Korrekturschleifen.

Ein einfacher Grundsatz hilft hier weiter: Jeder Handoff sollte seine Existenz rechtfertigen. Wenn er echten Wert schafft, sollte er bleiben. Wenn er vor allem Verzögerung erzeugt, ohne Qualität, Kontrolle oder Kundennutzen spürbar zu verbessern, lohnt sich ein Redesign.

Food for Thought

Wenn Organisationen beginnen, Handoff-Verzögerungen ernsthaft zu untersuchen, sind die nützlichsten Fragen oft überraschend einfach.

Wo im Prozess verbringt Arbeit mehr Zeit mit Warten als mit Bearbeitung? Welche Verzögerungen sind heute sichtbar, und welche fallen erst auf, wenn schon eskaliert wird? Wie viele Handoffs existieren aus Gewohnheit, historisch gewachsener Struktur oder organisatorischer Bequemlichkeit, nicht aber aus echter operativer Notwendigkeit? Optimieren Teams ihren eigenen Bereich, während niemand den gesamten Flow verantwortet? Und welche Teile des Prozesses würden allein dadurch schneller laufen, dass weniger Verantwortung übergeben werden muss?

Diese Fragen sind wichtig, weil sie den Blick von Aktivität auf Durchsatz lenken. Sie helfen Führungskräften, Verzögerung nicht als alltägliche Unannehmlichkeit zu betrachten, sondern als Design-Thema, das sich systematisch angehen lässt.

Fazit: Verbessere den Flow, nicht nur den Einsatz

Wenn Handoffs länger dauern als die eigentliche Arbeit, liegt die Ursache selten in der individuellen Produktivität. Meist ist der Prozess so angelegt, dass Wartezeit stillschweigend als normal mitläuft.

Zwei strukturelle Hebel sind hier besonders wirksam. Der erste ist, Wartezeit durch process mapping und saubere Messung von Queue Time sichtbar zu machen. Der zweite ist, unnötige Handoffs zu reduzieren, indem Ownership dort gebündelt wird, wo mehr Kontinuität entsteht.

Das Ziel ist nicht, Menschen härter arbeiten zu lassen. Das Ziel ist, dafür zu sorgen, dass Arbeit in Bewegung bleibt.

Genau darin liegt das größere Versprechen von business process improvement. Es geht nicht nur darum, einzelne Aktivitäten zu optimieren. Es geht darum, Prozesse so zu gestalten, dass Einsatz verlässlicher in Fortschritt übersetzt wird. Wenn Wartezeit zwischen den Schritten als Designproblem verstanden wird und nicht bloß als lästige Begleiterscheinung des Betriebs, verbessert sich der Durchsatz auf eine Weise, die tragfähig und nachhaltig ist.

 

 

FAQ

Was bedeutet es, wenn Handoffs länger dauern als die eigentliche Arbeit?

Das bedeutet, dass die meiste Durchlaufzeit nicht in der Bearbeitung selbst entsteht, sondern in den Wartezeiten zwischen Prozessschritten. Arbeit liegt in Queues, wartet auf Review, Freigabe oder Übernahme durch das nächste Team.

Warum verlangsamen zu viele Handoffs einen Prozess?

Jeder Handoff erzeugt zusätzlichen Abstimmungsaufwand. Jemand muss den Vorgang wahrnehmen, den Status verstehen und die Verantwortung für den nächsten Schritt übernehmen. Je mehr Übergaben es gibt, desto höher ist das Risiko für Verzögerungen, Kontextverlust und Unklarheit.

Wie hilft process mapping dabei, Wartezeiten zu reduzieren?

Process mapping macht sichtbar, wo Arbeit im Prozess liegen bleibt, wo sich Queues bilden und wie viel Zeit zwischen den einzelnen Schritten verloren geht. Erst wenn diese Wartezeiten transparent sind, können Organisationen gezielt an den eigentlichen Ursachen langsamer Durchlaufzeiten arbeiten.

Was bringt es, Ownership im Prozess zu bündeln?

Wenn weniger Rollen an einem Vorgang beteiligt sind und Ownership klarer definiert ist, gibt es weniger unnötige Übergaben. Dadurch sinkt der Koordinationsaufwand, Verantwortlichkeit wird sichtbarer und Arbeit bleibt eher in Bewegung.

Welche Maßnahmen helfen bei business process improvement in handoff-lastigen Prozessen?

Besonders wirksam sind zwei Ansätze: Erstens, Wartezeiten durch process mapping und Queue-Time-Messung sichtbar machen. Zweitens, unnötige Handoffs reduzieren, indem Aufgaben sinnvoll zusammengelegt und Verantwortlichkeiten end-to-end klarer zugeordnet werden.